Das Monte Dada Projekt
Beschreibung

Aufbrüche in Kunst und Gesellschaft
Die Wiege des Ausdruckstanzes, wie er sich ab den 1920er-Jahren auf der Welt verbreitete, liegt insbesondere auf dem 1900 durch den Belgischen Industriellensohn Henri Oedenkoven und die deutsche Pianistin Ida Hofmann gegründeten Monte Verità bei Ascona aber auch in der Dada-Bewegung Zürich. Auf dem Monte Verità und im Cabaret Voltaire haben sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige der interessantesten Experimente vollzogen, die das bis dahin gültige Verständnis von Kunst, Tanz und Choreografie radikal veränderten, ein neues Körperkonzept präsentierten und der Kunst eine neue prägende Rolle in der Gesellschaft zuwiesen.

Rudolf von Labans Suche nach 'natürlichen' Körperbewegungen
Rudolf von Laban, dessen pädagogische, choreografische und theoretische Arbeiten für den deutschen Ausdruckstanz, bedeutend sind, eröffnete 1913 auf dem Monte Verità seine Schule für Bewegungskunst, in welcher u.a. die später berühmt gewordenen Tänzerinnen Mary Wigman, Katja Wulff und Suzanne Perrottet als Schülerinnen wirkten. Die Tanzreformer tanzten nackt in der freien Natur und begaben sich auf die Suche nach vermeintlich 'authentischen' Bewegungen und einem 'natürlichen', gesellschatftlich nicht durchformten Körper. Bei Labans Tanzreformen handelt es sich nicht nur um ein pädagogisches, sondern durchaus um ein philosophisches und gesellschaftspolitisches Konzept. Mit dem Tanz verband er nämlich nicht nur künstlerische Implikationen, sondern betrachtete ihn als einen integrierten Teil des Lebens. Angestrebt wurde die „Ausbildung des freien Tänzers und Menschen […], der über seine physischen, gedanklichen und seelischen Bewegungen selbst entscheidet.“ (Baur 2010, S. 59)

Die Laban-Schule in Zürich und die Verbindungen zum Zürcher Dada
1915 eröffnete Laban in Zürich eine weitere Tanzschule. Über die Künstlerin Sophie Täuber-Arp, die seine Schülerin war und einen Sommer in der Künstlerkolonie auf dem Monte Verità verbrachte, lernten die Tanzreformer die spätere Dada-Gruppe um Hugo Ball in Zürich kenne wie u.a. Tristan Tzara, Marcel Janco, Emmy Ball-Hennings, Hans Arp etc. Es kam zu einem regen Austausch und zu einzelnen losen Zusammenarbeiten. Suzanne Perrottet z.B. trat an den Dada-Soiréen als Pianistin auf und provozierte mit ihren dissonanten und atonalen Werken das Publikum. Laban und Wigman waren oft Zuschauer bei den Dada-Soirées und Sophie Täuber-Arp tanzte an den Dada-Abenden Tänze in grotesken Masken, die von ihren Zeitzeugen sowie in Zeitungsberichten als 'abstrakte' oder 'kubistische' Tänze bezeichnet wurden.

Affinitäten zwischen den Tanzreformern um Laban und den Avantgardisten um Ball lassen sich nicht nur im revolutionären Charakter ihrer jeweiligen Kunst feststellen, sondern auch in ihrer pazifistischen, anti-bürgerlichen Haltung. Beide Bewegungen verfolgten mit ihrem künstlerischen Schaffen gesellschaftspolitische Ziele: Laban strebte eine gesamtgesellschaftliche Umstrukturierung an, die über den tanzenden Körper erreicht werden sollten, die Dadaisten wollten mit ihren provokativen Aktionen eine Gegenwelt zur bürgerlichen Öffentlichkeit schaffen und gegen den Krieg demonstrieren.

Dada international

Auch in Berlin kam es zu einem Austausch zwischen bildender und darstellender Kunst und so war die extravagante Cabaret-Tänzerin Valeska Gert - die bekannt ist für ihre grotesken Darstellungen - bei Dada-Matinée bei Richard Huelsenbeck zu Gast. 1919 löste sich die Zürcher Dada-Verbindung auf, die Vertreter zerstreuten sich nach Genf, Köln, Berlin. Und auch Laban und einige seiner Tänzerinnen gingen nach Deutschland. So begann sich Dada und der Ausdruckstanz in den 1920er Jahren in Deutschland und später auch international auszubreiten.

Auswirkungen bis heute
Bis heute lassen sich zahlreiche neo-avantgardistische und zeitgenössische Tanz- und Performanceprojekte auf die Wurzeln bzw. Verbindungen zwischen der Dada-Bewegung und den (Bewegungs-)Experimenten auf dem Monte Verità zurückführen. Denn erst hier fand mit Abgrenzung zum Ballett eine Modernisierung des Tanzes statt, wodurch der Tanz sich bis hin zu zeitgenössischen Experimenten entwickeln konnte.

Das Projektziel

Im Fokus des von dem promovierten Historiker Dr. Andreas Schwab und der Tanzwissenschaftlerin Mona De Weerdt lancierten historisch-dokumentarischen Projekts steht die historische Recherche der Grundlagen, die auf dem Monte Verità und im Cabaret Voltaire für die Geschichte des Tanzes und der Performance gelegt wurden. Denn anders als die weltweite Bedeutung von Ausdruckstanz, Monte Verità und Dada vermuten liesse, gibt es bislang keine zusammenhängende Darstellung dieses Themenkomplexes. Es finden sich zwar zahlreichen Publikationen die sich jeweils einer der beiden Strömungen und/oder einzelnen Vertretern dieser avantgardistischen Bewegungen widmen, jedoch wurden die Verbindungen zwischen den Tanzreformern um Rudolf von Laban und dem Zürcher Dada-Kreis um Hugo Ball, Emmy Ball-Hennings, Sophie Täuber-Arp in Zürich bisher noch nie dezidiert beleuchtet. Und auch die Verbindungen zwischen bildenden Dada-Künstlern wie Richard Huelsenbeck und Ausdruckstänzerinnen wie Valeska Gert wurden kaum beleuchtet. 

Forschungslücken schliessen
Diese Forschungslücke zu schliessen und die Geschichte der Tanzavantgarde aus einer bisher wenig beachteten Perspektive - nämlich u.a. mit Blick auf den EInfluss von Dada und Cabaret auf die Entwicklung des Modernen Tanzes zu Beginn des 20. Jahrhunderts - zu beleuchten ist ein Hauptziel unseres Monte Dada Projekts. Der Titel Monte Dada steht dabei programmatisch für die Verbindung von Dada und Monte Verità/modernem Tanz. Es geht uns um die Sicherung von Wissen, um Quellenforschung und um die Vermittlung dieses historisch bedeutsamen tänzerischen Kulturerbes an eine breite Öffentlichkeit.

Symposien

Diese Vermittlung geschieht in Form von drei Symposien mit je unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten. An diesen Symposien halten Tanzwissenschaftler/innen, (Kunst-)Historiker/innen, Kulturwissenschaflter/innen, Philosph/innen und Germanist/innen Referate zum oben skizzierten Themenkomplex und versuchen somit die Verbindungen zwischen den Tanzreformer/innen und den Dadaist/innen herauszuarbeiten. In den drei einzelnen Teilprojekten werden je unterschiedliche thematische Fokusse gelegt, die sich bereits im jeweiligen Untertitel der Veranstaltungen niederschlagen.

2014: Erstes Symposium auf dem Monte Verità
So hiess das erste Teilprojekt: Tanz im Cabaret Voltaire und auf dem Monte Verità, durchgeführt am 12. und 13.09.2014 auf dem Monte Monte Verità in Ascona. Der Fokus lag auf Labans Bewegungsschule, dem Tanz auf dem Monte Verità aber auch den performativen und tänzerischen Darbietungen im Cabaret Voltaire, der Galerie Dada und dem Saal zur Kaufleten in Zürich in den Jahren 1916-1919.

2015: Zweites Symposium im Deutschen Tanzarchiv Köln

Das zweite Teilprojekt trägt den Untertitel Ausdruckstanz und Avantgarde. Dieses fand statt am 23. und 24.10.2015 im Deutschaen Tanzarchiv Köln und in der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln auf Schloss Wahn Köln. Thematisiert wurden hier u.a. Mary Wigmans Lehrjahre in Zürich, Sophie Taeuber-Arps Engagement als Tänzerin nicht nur auf den Dada-Bühnen, sondern auch im Rahmen von Schulauftritten der Labanschule, die Verbindungen von Valeska Gert zum Berliner Dada, aber auch die internationale Verbreitung des Ausdruckstanzes in Deutschland ab den 1920er Jahren. Zudem soll der Frage nach unterschiedlichen Formen künstlerischer Zusammenarbeit im Ausdruckstanz und bei Dada nachgegangen werden. Diese Veranstaltung entsteht in enger Kooperation mit Hedwig Müller von der Universität Köln und Thomas Thorausch vom Deutschen Tanzarchiv Köln. Referieren werden namhafte Theater- und Tanzwissenschaftler/innen aus dem deutschsprachigen Raum.

2016: Drittes Symposium im Cabaret Voltaire
2016 werden wir für das 100-Jahre Dada-Jubiläum nach Zürich zurückkehren. Im Cabaret Voltaire soll hier das dritte und letzte Symposium stattfinden, wobei sich der Fokus v.a. auf die Dada-Tänze, über die aufgrund der schwierigen Quellenlage nur wenig bekannt ist, und die performativen Beiträge im Cabaret Voltaire, der Galerie Dada und dem Saal zur Kaufleuten richten soll. Diese Veranstaltung findet statt am 14. Mai 2016 im Rahmen der 100-Jahre Dada Jubiläums-Feierlichkeiten. Das Monte Dada Symposium soll als ein Programmpunkt in das ZÜRICH TANZT Wochenende 2016 integriert werden. Während mit den am Symposium gehaltenen Referaten zu Laban, Tanz und Dada ein historischer Fokus auf die Anfänge des Modernen Tanzes zu Beginn es 20. Jahrhunderts gelegt wird, erhalten die Besucher/innen am Abend die Möglichkeit, zeitgenössische Tanzvorstellungen zu besuchen, die im Rahmen von zürich tanzt! gezeigt werden.

Workshops und Lecture Performances
Es würde jedoch weder zum Monte Verità noch zur Dada-Bewegung passen, wenn dieses Herausarbeiten von Relationen zwischen den beiden Strömungen einzig diskursiv geschähe bzw. nur auf einer historischen Archiv- und Quellenarbeit basieren würde. Ebenso wichtig, und daher gleichberechtigter zweiter Teil des interdisziplinären Projekts, ist die Betrachtung künstlerischer Fruchtbarmachung dieses Kulturerbes mit den ästhetischen Mitteln des 21. Jahrhunderts. Demnach wird insbesondere auch der künstlerischen Arbeit ein Potenzial zur Wissensgenerierung- und Vermittlung und zur Bewahrung von kulturellem Erbe beigemessen und an den Symposien sollen sowohl praktisch-theoretische Workshops angeboten als auch künstlerische Positionen der bildenden und darstellenden Kunst in Form von Tanzaufführungen, Brieflesungen oder Lecture Performances präsentiert werden.

Kooperationspartner

Centro Congressuale e Culturale Monte Verità, Leiter Lorenzo Sonognini
Deutsches Tanzarchiv Köln, Stellvertretende Leitung Thomas Thorausch
Universität Köln, Prof. Dr. Peter Marx und Dr. Hedwig Müller
Tanzhaus Zürich, Intendantin Catja Loepfe
Cabaret Voltaire Zürich, Leitung Adrian Notz
Verein Dada100Zürich2016, Leitung Juri Steiner

Dank

Bei der Konzipierung des Vorhabens und der Zusammenstellung des Programms stand der Dada-Experte Juri Steiner beratend zur Seite. Zudem bedanken wir uns ganz herzlich bei all unseren Geldgebern und Kooperationspartnern. Ein weiterer Dank gilt Christina Thurner für die Moderation der Symposien.